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Aneignung des Eigenen

Entre nous, Julia Wolf!

Julia, wo hast Du Dein neues Buch geschrieben?
Im Garten meiner Mutter, an der rumänisch-bulgarischen Grenze mit Blick auf die Donau, in den Wäldern New Hampshires und zu guter Letzt in der Pfalz.

Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem Buch?
Um einen alten Mann, dessen Leben aus den Fugen geraten ist; um seine Hilflosigkeit und seinen Schmerz. Walter Nowak kämpft um den Erhalt seines Weltbildes, im Erzählen versichert er sich seiner selbst und seiner Erinnerung.

Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Die Diskurse rund um das Thema cultural appropriation haben mich zuletzt sehr interessiert. Es interessiert mich, wie man als Autorin einerseits aus sich heraus tritt und Figuren unabhängig vom eigenen kulturellen «Rucksack» eine Stimme verleihen kann. Gleichzeitig rückt die Frage immer wieder nahe, welche Art von Geschichten ich mir eigentlich aneignen kann, was ich mir «borgen» kann, ohne Stereotypen zu reproduzieren und Machtverhältnisse zu wiederholen. Letztlich geht es dabei um ein Bewusstsein dafür, aus welcher Position ich spreche. Daraus ergeben sich automatisch Fragen fürs Schreiben.

Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
Da ich keine autobiographischen Geschichten erzähle, schwingt das Thema der Aneignung natürlich immer mit. Ich finde aber, dass diese Fragen immer relevanter werden, wenn in der politischen Diskussion wieder verstärkt von «wir» und «die» die Rede ist. Auf der einen Seite wird extrem viel über political correctness diskutiert, und auf der anderen Seite schleicht sich offen rassistische Sprache zurück in unsere Diskurse. Das beschäftigt mich.

Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Mit relativ neutralen. Der Text treibt mich um, während ich ihn schreibe, zu diesem Zeitpunkt ist er das Wichtigste. Danach setzt dann das Loslassen ein und vielleicht auch eine Art Entfremdung. Mittlerweile bin ich in Gedanken schon bei neuen Texten und Projekten.

Hegst Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buchs?
Nein, Erwartungen verbiete ich mir, sie können nur enttäuscht werden. Ich bin sehr gespannt auf die Rezeption des neuen Textes.

Wie würdest Du Dein Buch einordnen im Vergleich zum ersten Buch?
Es ist mein zweites. Gemeinhin gilt ja das zweite als besonders schwierig, ich fand das erste aber viel schwieriger. Die beiden Bücher sind die ersten beiden Teile einer Trilogie, an deren drittem Teil ich begonnen habe zu arbeiten.

Julia Wolf, «Walter Nowak bleibt liegen», Roman,
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main, geb., 200 Seiten,
erscheint am 7. März 2017.

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