Sucht und Sehnsucht
Entre nous, Sarah Elena Müller!
Sarah Elena, wo hast Du Dein neues Buch geschrieben?
Seinen Anfang nahm mein Roman »Unwucht« noch in London, später dann in Maloja, in Gottlieben im Thurgau, und manche Teile schrieb ich am Ufer der Aare, den überhitzten Kopf nahe am Wasser, mit gekrümmtem Rücken, aber direkter Sicht auf die frische Farbe des Flusses.
Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem Buch?
Für mich handelt «Unwucht» von einer großen Verlorenheit. Alice und Rio leben mitten in einer wohlpräparierten Schweiz, aber zugleich auf fransigem, prekärem Boden, er Crystal-Meth-süchtig – sie im Begriff, sich in der Liebe zu ihm aufzugeben. Beide suchen einen Reiz, eine Intensität oder eine klare Richtung, die ihnen ihre Zeit nicht zu geben vermag. Er im Stoff, sie in der überstülpten Fürsorge. Es ist auch ein Buch über die Zwischentöne solcher Beziehungen, wer wie Macht ausübt, wer wen quält oder rettet und auch, wie davon erzählt werden soll, welche Stigmata und Leseerwartungen gebrochen oder bestätigt werden, wenn es um Sucht und Kriminalität geht.
Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Mich interessieren Figuren und Diskurse, die sich starren Gut-Böse-Schemata verweigern und erzählerische Komplexität zulassen. Zuletzt habe ich alles von Ottessa Moshfegh wiedergelesen, deren unangenehme und zwiespältige Frauenfiguren mich faszinieren und die mit jedem Buch einen neuen Tonfall anschlägt. Oder »Das Wort für Zuhause ist Feuer«, von Trailor Sparks, dessen anarchistischer Blick auf queere Sexualität uns verblüfft, durch den simplen Umstand, dass sie gewaltarm und fantasievoll ist und den Beteiligten Lust macht. Aber auch chinesische oder afroamerikanische Science-Fiction, Liu Cixin und Octavia Butler, deren Zukunftsnarrative.
Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
Ich glaube, sie sind mir Ansporn, ich möchte mich dahin ausweiten, beruflich wie persönlich, dazulernen und Mut schöpfen, das Unerwartbare zu beackern, literarisch.
Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Es war ein Ritt. Noch nie ist ein Text so schnell und heftig und zugleich so vertrackt und zäh zu Papier gekommen. Vieles ist darin abgebildet, das Zaghafte, das Wuchtige, die Vorsicht und Umständlichkeit einer Aushandlung, der Wahn und der Drive einer Erzählung und Liebe, die dem Ende entgegenschlittert. Ich bin erleichtert, skeptisch und beglückt.
Hegst Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buchs?
Ich glaube dadurch, dass es keine runde Geschichte ist, die einen weder ins Elend oder noch in den Humor komplett eintauchen lässt, wird sie polarisieren. Die Empathie der Lesenden wird nicht in geregelten Bahnen geführt. Der Text ist schnell, gemein, lustig und himmeltraurig, aber oft bleibt unklar, für wen. Ich wünsche mir, dass in «Unwucht» auch die Sehnsucht, die Rückseiten, Ursachen und Selbsttäuschungen rund um Alice und Rios Situationen entdeckt werden könnten.
Wie würdest Du es einordnen in die Folge Deiner Texte?
Es ist nach »Bild ohne Mädchen« mein zweiter Roman. Es ist sehr anders als mein Debüt, sprachlich wilder, schonungsloser, weniger poetisches Furnier. Für mich ein Wagnis und eine große Freude.
Sarah Elena Müller, »Unwucht«, Roman,
Limmat Verlag, Zürich 2026, geb., 336 S.