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Normalität und Norm

Entre nous, Julia Weber!

Julia, wo hast Du Dein Buch geschrieben?
Am schweizerischen Literaturinstitut und in meiner Dachkammer in Biel. Dort hatte ich einen kleinen Holzofen, was sehr gemütlich war und auch überaus authentisch (Bild der armen Dichterin), aber leider frass das Feuer meinen Sauerstoff, und so wurde ich oft so müde, dass ich eingeschlafen bin. In Berlin habe ich an «Immer ist alles schön» geschrieben, am Mehringdamm und auf dem Weg von Berlin nach Zürich. Dann auf dem Weg nach Italien, über Serbien, Mazedonien, Griechenland. Am Hafen von Igoumenitsa (an einem Plastiktisch, der auf einem Kunstrasen stand, mit Blick auf die Frachtschiffe). Am Strand von Aggiaroli Cilento. In Zürich in einem leerstehenden Altersheim, in Altstetten in einem ehemaligen UBS Gebäude, im Restaurant Sphères in Zürich.

Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem Buch?
Um Normalität. Um die eigene Normalität. Um das aus der Gesellschaft Fallen und das dagegen Ankämpfen, eine Maschine zu werden. Auch um das Mutter Sein. Um das Erschaffen einer eigenen Welt mit Sprache.

Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Ich denke viel über Angst nach. Wie entsteht sie? Wie wird sie gemacht? Und wie kann man politisch konstruierte Angst abwenden?

Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
Es ist natürlich gebunden an die momentane Weltlage, reiht sich aber dennoch ein in meine Themen. Wie kann man leben auf dieser Welt und nicht nur funktionieren? Wie kann man sich seinen eigenen Blick wahren, wie kann man wach bleiben und nie aufhören zu fragen, hinterfragen und schauen.

Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Eine lange Zeit war das. Mein Gefühl ist ein gutes. Ich bin froh, dass dieses Buch nun da ist. Während der vier Jahre, in denen ich daran gearbeitet habe, habe ich ein Kind bekommen. Das war eine starke Veränderung. So hat sich auch das Buch mitverändert, und das ist in der Geschichte drin.
Anfangs beschäftigte ich mich mit der Frage, wie wir so selbstverständlich davon ausgehen, dass wir funktionieren in dieser Gesellschaft, dass wir wissen, wie das alles funktioniert. Wie man redet mit den Menschen, die einen am Postschalter fragen, was man will. Wie man das Gemüse auf die Waage legt in der Migros und dann ein Etikett auf die Plastiktüte klebt und wie man sich einreiht beim Gehen auf der Strasse. Nach der Geburt des Kindes kam dann die Frage nach dem Bild der Mutter in der Gesellschaft dazu und nach dem Funktionieren in dieser, als etwas Einschläferndes.

Hegst Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buchs?
Ich hoffe, dass es verstanden wird, so wie ich es nie verstanden, sondern mehr gefühlt habe, während des Schreibens, und wenn ich eine Besprechung davon lese, sagen kann, ja, genau das habe ich nicht gewusst beim Schreiben, aber empfunden.

Wie würdest Du es einordnen in Deine Textproduktion?
Es ist mein allererstes, geschriebenes, gemachtes, erdachtes, gefühltes Buch.

Julia Weber, «Immer ist alles schön», Roman,
Limmat verlag, Zürich 2017, geb., 256 Seiten.

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