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Elf Menschen, tausend Begriffe

Entre nous, Tim Krohn!

Tim, wo hast Du Dein neues Buch geschrieben?
In einer unserer Dachkammern, einer ehemaligen Gesindekammer. Wir wohnen in einem 400-jährigen Haus. Wobei «Kammer» zu bescheiden ausgedrückt ist: nach den Haken an der Wand zu urteilen, lebten in so einem Zimmer acht Menschen. Manchmal schrieb ich auch im Zug, vom Münstertal ins Unterland bin ich vier Stunden unterwegs, das reicht knapp für die erste Fassung eines Kapitels von «Menschliche Regungen». Überarbeitet habe ich dann jeweils in meinem Atelier, einer alten Filiale der Bündner Kantonalbank, im Nebenhaus.

Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem neuen Buch?
Es ist, ganz programmatisch gesetzt, nicht weniger als eine Conditio humana der Jahrtausendwende. Ein Buch über die Gefühle und Charakterzüge des Menschen. Gegen tausend Begriffe dazu habe ich gesammelt, von «Aalglätte» bis «Zynismus», jeden dieser Begriffe untersuche ich in einem eigenen Kapitel, auf sechs bis zehn Seiten. Zusammengehalten werden die Kapitel durch das Personal des Buchs: elf Menschen, vom blutjungen Studentenpärchen über die alleinerziehende Mutter mit ihrer vierjährigen Tochter und die freie Schauspielerin bis hin zu Frührentnern und Greisen. Sie alle leben im selben Wohnblock einer Zürcher Genossenschaft, und dieses Zusammenleben prägt subtil, aber konsequent auch ihre jeweilige Entfaltung als Mensch.

Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Eben das: Was macht den Menschen aus? Wie weit gefächert ist das Kaleidoskop unserer Regungen und Wahrnehmungen? Wie komplex, und wie unterschiedlich, ist die Gattung Mensch?

Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
Entschieden ein Leitmotiv. Wobei ich früher andere Schwerpunkte hatte: Wieviel Tier steckt noch im Menschen? Wie leben wir die Schnittstellen zwischen dem Menschen als kulturellem Wesen und dem Menschen als hochentwickeltes Säugetier aus? Sexualität, Krankheit, Aberglaube, Essen und Trinken – das sind Bereiche, in denen zwei ganz gegensätzliche Konzepte aufeinander prallen. Sie habe ich auch früher schon konsequent erforscht.

Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Mit Schwindel und Wärme. In 13 Monaten habe ich 1500 Seiten geschrieben, die ersten drei Bände des Projekts. Es gab kaum freie Tage, nur morgens habe ich mir jeweils Zeit für die Kinder genommen. Und sonderbarer Weise war es eine sehr innige Zeit. Meine Frau Micha hat sich jeden Abend angehört, was ich an jenem Tag geschrieben hatte, und mit mir darüber diskutiert, das waren sehr schöne, intime Momente. Auch der Austausch mit den Unterstützern des Projekts – es ist so, dass Leserinnen eines der Kapitel quasi «kaufen» konnten und auch in gewissem Sinn seinen Klang mit prägten, indem sie drei eigene Wörter beisteuerten – war oft herzlich und stets befruchtend. Wenn ich mich früher, gerade in den grossen, ausufernden Projekten, als Einzelkämpfer sah und manchmal in Einsamkeit fast verging, hatte ich hier stets ein Gefühl der Verbundenheit und Leichtigkeit. Das habe ich unerhört genossen – und werde es wieder geniessen, wenn ich, im Sommer wohl, den vierten Band in Angriff nehme.

Hegst Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption der Bände?
Erwartungen nicht, Hoffnungen. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die ich auftreten lasse, in der realen Welt auf Gegenliebe stossen, denn sie sind so gutwillig dem Leben unterworfen. Mir selbst ist mein «Personal» dermassen ans Herz gewachsen, dass ich nichts mehr wünsche, als dass Pit und Petzi, Erich Wyss und Mona Sommer, Hubert Brechbühl, Moritz, Mary, Caruso und wie sie alle heissen auch alle anderen Herzen erobern.

Wie würdest Du die Bände einordnen in die Reihe Deiner Bücher?
Das Projekt «Menschliche Regungen» ist mit keinem meiner bisherigen Werke vergleichbar. Die Dimensionen, die Entstehungsgeschichte, die so vielfältige Vernetzung mit anderen Menschen, all das ist für mich völlig einzigartig. Der nun erscheinende erste Band, «Herr Brechbühl sucht eine Katze», hat wiederum in dieser Reihe keinen besonderen Platz. Drei Bände sind geschrieben, dass zuerst nur der eine erscheint, ist eine rein verlegerische Entscheidung (die ich aber inzwischen sehr gutheisse). Zweifellos werden diese Bücher mein Hauptwerk sein, und ich bin glücklich und dankbar, dass es – zumindest bisher – nicht nur aus Kampf und Quälerei geboren ist, sondern mit so vielen schönen Erfahrungen verbunden.

Tim Krohn, «Herr Brechbühl sucht eine Katze», Roman, Band I der Serie «Menschliche Regungen», Galiani Verlag, Berlin 2017, geb., 480 Seiten.

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