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Ob ich das bin

Entre nous, Henriette Vásárhelyi!

Henriette, wo hast Du Dein neues Buch geschrieben?
Notizen habe ich immer dort gemacht, wo ich gerade stand oder ging, manchmal lag. Ich habe mich kurz weggedreht und mich den Fängen des Alltagslebens entsagt. Nur wenige Momente und Schritte entfernt vom Getöse, Wochenendeinkauf mit der heiligen Familie, Besuch von Freunden, Streit, Lachen, dem eigenen und dem der anderen, unzähligen Telefonaten, den Überlegungen, ob das jetzt Erziehung ist, was ich da mache oder schon Erinnerung und ob ich das bin, die da so ist zwischen alledem und einem kulturellen Gestern; aber auch, wenn ich allein war, im Zug und auf mich zurückgeworfen, schnell durchs Fenster wieder hinaus in die Welt. Zusammengefügt habe ich den Text dann am Zentraltisch meines Zuhauses, und ich hab versucht, die Stille nicht zu sehr zu genießen, denn: Wenn arbeiten, dann jetzt!, war die Devise. Ist sie immer noch.

Worum geht es, Deiner Meinung, nach in Deinem Buch?
In meinem Buch «Seit ich fort bin» geht es um die Welt von gestern, die kulturelle Welt des Einzelnen, aus der jemand hervorgeht. Der Text ist zum Teil sehr persönlich, denn ich skizziere darin auch die Geschichte zweier Menschen, die mich in den Neunzigern begleitet haben. Dafür habe ich die Figuren Anis und Obren gewählt, obwohl sich auch in den anderen Figuren Teile von ihnen spiegeln. Da ich Sprache aus der Erfahrung heraus benutze, habe ich Dinge, die ich für die Geschichten über sie, für die Zeit damals und die Beziehungen zueinander, wichtig fand (für eine Lebenswirklichkeit und die Bewegungen dieser Menschen darin), ebenso erfunden, wie mich an realen Ereignissen orientiert. Von mir aus gesehen ist der Text eine Entfremdung, eine Übersetzung, aber darum geht es ja poetologisch auch.

Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
In welchen Spannungsfeldern sich Wörter aus den Artikeln der Menschenrechte zwischen Bedeutungen hin und her bewegen und zwar nicht, weil sie nicht konkret wären, doch sie verändern sich, je nachdem, wer sie betrachtet, nutzt und um welchen Kontext es sich handelt. Ob jemand überhaupt weiß, worüber er da spricht oder aus Unwissenheit und Gewohnheit mit Worthülsen um sich wirft, die als Argumente ernst genommen werden; was schwer wiegt. Die Sinnhaftigkeit all der Gesetzestexte, die sich gegenseitig widersprechen und die in diesem Fall nicht mal bindend sind.

Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
Sehr interessant ist das Feld: das Recht des Einzelnen, das zu schützen ist, wenn es um existenzielle Rechte geht und zwar von der Gesellschaft, welche aber unwillig ist, im Gegensatz zum Gebrüll des Individuums, das seine Bedürfnisse nicht erfüllt sieht in den Wohlstandsgesellschaften und dafür die Gemeinschaft verantwortlich macht. Das sind aber eher fundamentale Dinge, die den Ton und die Geschichte nicht hauptsächlich betreffen.

Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Es kommt mir sehr lange her vor. Eine Zeit zur reinen Niederschrift gab es so nicht. Es gibt immer Notizhefte, digitale Notizen, Sprachnotizen, jede Art des Festhaltens von Sätzen und Gedanken bringt sich zu unterschiedlichen Zeiten in die Hauptarbeit ein, geleitet vom Ton der Arbeit. Die Arbeit an diesem Buch hat sich nicht sehr von der Arbeit an meinem ersten Roman, «immeer», unterschieden, vielleicht war es noch schwerer, sich von Verpflichtungen zu lösen. Konzentration ist immer ein Thema, vor allem die Frage: Was ist Ablenkung, was ist Leben?

Hegst Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buchs?
Die Atmosphäre und die Lebenswirklichkeit während der Umbrüche von DDR zu Deutschland ist nicht vielen Menschen vertraut, und das setze ich voraus, dieses Selbstverständnis ist mir wichtig. Wurzeln haben, das führt nicht jeden in verklärende Heimatverbundenheit. Dieser stille, ungeheure Vollzug von einem ideologischen System zum neuen, vermeintlich nicht-ideologischen, muss mitgelesen werden, dieses Unbehaustsein einer ganzen Gesellschaft und eine teilweise daraus resultierende Verwahrlosung Schutzbefohlener. Und das damit eingeführte und zugeflüsterte Verständnis von Ungleichheit zwischen Menschen, die uns nahe stehen, die über Leben entscheidet, die mit der Einführung von Freiheit ad absurdum geführt wurde und wird.

Wie würdest Du es einordnen in die Reihe Deiner Texte/Bücher?
Eins nach dem anderen.

Henriette Vásárhelyi, «Seit ich fort bin», Roman,
Dörlemann Verlag, Zürich 2017, geb., 240 Seiten.

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