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Kleine Hochstapler

Entre nous, Matthias Ackeret!

Matthias, wo hast Du Dein Buch geschrieben?
Ganz banal: zu Hause am Computer. Da ich unter Schlafstörungen leide, jeweils zwischen vier und sechs Uhr früh. Anschliessend schalte ich wieder in den Geschäftsmodus und bin für literarische Exzesse unempfänglich. Gerne hätte ich das Buch im «Eden Roc» auf Cap d'Antibes fertiggestellt. Aber so viel Realität erschlägt jegliche Kreativität.

Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem Buch?
Es geht in dem Roman «Eden Roc» um die alte Frage: wie fest muss man sich tarnen, um die Wirklichkeit zu ertragen? Meine Helden sind alles kleine Hochstapler, die dem anderen – und wohl auch sich selbst – etwas vormachen, das sie nicht sind. Deswegen sind sie nicht etwa unsympathisch, sondern meine Helden. Zudem wollte ich die Literaturgiganten Max Frisch und Ernest Hemingway aufeinander prallen lassen. Deswegen habe ich auch so etwas wie die Fortsetzung von Max Frischs bestem Buch, «Montauk», geschrieben. Für mich trägt es den Titel «Montauk 2» und handelt in Montauk, New York und Pamplona.

Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Vielleicht die wichtigste Frage überhaupt: Was ist Realität? Seit ich in den USA war und den Wahlkampf um die Präsidentschaft vor Ort mitverfolgen konnte, weiss ich, dass diejenigen Medien, die am lautesten «Fake News» schreien, die grössten produzieren. Wieso waren bei uns alle überrascht, als Donald Trump Präsident wurde? Weil alle Journalisten voneinander abgeschrieben haben, ohne sich die Mühe zu nehmen, einmal vor Ort zu recherchieren. Das Gleiche passiert momentan wieder. Bei aller Globalisierung, die Erde ist immer noch grösser und anders als wir sie uns in unseren geschützten Werkstätten vorstellen.

Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
Dass Amerika so anders tickt als in der Mehrzahl unserer Medien dargestellt, hat mich schon überrascht. Leitmotiv nein. Wenn ich einen Roman schreibe, beschäftige ich mich mit meinen privaten, kleinen Erkenntnissen. Alles andere wäre vermessen.

Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Mit sehr positiven. Es ist wirklich ein gutes Gefühl, wenn man einen Roman fertigbringt. Und noch viel schöner ist es, wenn es positive Reaktionen und Rezensionen gibt. Man fühlt sich wie ein Zirkusartist, der mit der schweren Stange und ohne Netz auf das Seil hinausläuft, hoffend, dass man nicht stolpert und dass man unverletzt zurückkommt.

Hast Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buches?
Nein, es sollte einfach nicht langweilen.

Wie würdest Du es einordnen in die Reihe Deiner Bücher?
«Eden Roc» ist mein vierter Roman. Und mein gewagtester: erstmals komme ich als Person nicht vor, auch nicht verklausuliert. Und zweitens: alles ist in der dritten Person. Der Seiltänzer hat sich für seine Verhältnisse sehr weit auf das Seil hinausgewagt. Zudem habe ich alles einbauen können, was mir wichtig ist: die «Kronenhalle» in Zürich, das Lokal «Toto», Max Frisch, Ernest Hemingway, Martin Walser, Montauk, Fiesta, das «Eden Roc» und natürlich meinen Lieblingssänger Joe Dassin. Im vorletzten Roman, «Elvis», der auch tatsächlich von Elvis handelt, wurde ich Dassin ein bisschen untreu. Doch jetzt – so glaube ich jedenfalls – konnte ich alle meine persönlichen Bezugspunkte so verknüpfen, dass es nicht gestelzt wirkt. Auf jeden Fall hoffe ich das. Marin Walser schrieb mir nach der Lektüre des Manuskriptes in einer SMS, ich sei ein «Plotvirtouse». Ein grösseres Kompliment gibt es für mich nicht.

Matthias Ackeret, «Eden Roc», Roman,
Offizin Verlag, Zürich 2017, geb., 170 Seiten.

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