Alle Wege

Entre nous, Franco Supino!

Franco, wo hast Du Dein neues Buch geschrieben?
Mein Roman »Spurlos in Neapel« hat eine lange Entstehungszeit. Ich habe 2016 damit begonnen, im Sommer, hier am Arbeitstisch im Untergeschoss unseres Hauses in Solothurn, wo ich auch jetzt sitze, wo ich meistens arbeite. Eine wichtige Arbeitsphase war im Herbst 2020, als ich von Mitte Oktober bis Weihnachten in Meran auf Einladung einer Stiftung am Text arbeiten konnte. Es war eine gespenstische Zeit. Über das Südtirol wurde kurz nach meiner Ankunft der totale Lockdown verhängt. Alles, bis auf gewisse Lebensmittelläden, war zu. Ich durfte die Gemeindegrenzen Merans nicht verlassen, war bald der letzte und einzige Tourist auf den 17 Kilometern Spazierweg in Meran. Ich war paradoxerweise viel draussen, bei schönstem Wetter, und konnte daneben sehr gut arbeiten!

Worum geht es, Deiner Meinung nach, in Deinem Buch?
Im Zentrum meines Buches stehen die Stadt Neapel, der namenlose Ich-Erzähler und der Protagonist Antonio Esposito. Es geht, wie in meinen früheren Büchern, um die Zufälle und Zwangsläufigkeiten von Lebenswegen: Kann man sich gegen das vorgespurte Leben stellen?

Welche Themen, Geschichten, Diskurse interessieren Dich zurzeit grundsätzlich?
Wichtig sind für mich Fragen der Identität, Kultur, Appropriation, von Echtheit versus Fälschung. Ich verwende im Roman einfache Metaphern. Ein Beispiel: Rohmilch-Büffelmozzarella kann man aus produktionstechnischen Gründen nicht aus Kampanien exportieren, und doch gibt es sie in jedem Quartierladen in der Schweiz zu kaufen ... Es geht im Roman um die Suche nach dem Ursprünglichen, Echten, Wilden – Dinge, die wir hier, in der sicheren und sauberen Schweiz, scheinbar, verloren haben. Neapel bildet dafür einen wunderbaren Rahmen.

Sind diese Themen für Dich neu oder eher ein Leitmotiv in Deiner Arbeit?
Nein, es sind meine Leitmotive, aber ich hoffe, ich habe in diesem Text den Themen neue Aspekte abgewinnen können. Zudem habe ich versucht, der Autofiktion eine neue Spielart hinzuzufügen. Über die Fiktionalisierung des eigenen Lebens habe ich zu Antonio Esposito gefunden, einer fiktiven Figur.

Mit welchen Gefühlen schaust Du auf die Niederschrift zurück?
Es war eine lange Reise, denn ich habe ein neues Verfahren gewählt. Ich habe zuerst einen Roman geschrieben und dann, im zweiten Schritt, einen Erzähler auf Spurensuche nach dem Erzählten geschickt. Der »Ur-Text«, ein Mafia-Roman, bricht immer wieder in den zweiten, autobiografisch gefärbten Text ein. Ich hoffe, diese Erzählschichten tragen zum Reiz von «Spurlos in Neapel» bei. Mir hat es beim Schreiben jedenfalls sehr viel Spass gemacht.

Hegst Du bestimmte thematische Erwartungen an die Rezeption des Buchs?
Neapelromane gibt es viele. In meinem Text wird die Stadt aus der Sicht der Migranten gesehen: den Migranten, die Neapel vor Jahrzenten verlassen haben und nie zurückgekehrt sind, und den Migranten aus Afrika, die zuletzt angekommen sind und jetzt dort leben, zum grossen Teil illegal. Es wäre schön, wenn dieser Aspekt wahrgenommen würde.

Wie würdest Du es einordnen in der Reihe Deiner Bücher?
Es ist mein erster Roman seit 14 Jahren. Ich habe in dieser Zeit genauso viel geschrieben wie früher, wichtige Sachen, aber nichts veröffentlicht – nichts für Erwachsene, muss ich präzisieren. Ich habe für Kinder und Jugendliche geschrieben, und da bewegt man sich abseits der literarischen Öffentlichkeit. Ich hoffe, dass ich mit diesem für mich wichtigen Text als Autor wieder wahrgenommen werde.

Franco Supino, »Spurlos in Neapel«, Roman,
Rotpunktverlag, Zürich 2022, geb., 256 Seiten.

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